Streiflichter zur Geschichte Tusziens
von der Zeit der Etrusker bis zum Ende des Herzogtums Castro
(Text:
Piero Bruni - Übersetzung: Heidrun Böker)
Tuszien
umfasst die Zone, die im Norden von Lazium an die südliche Toskana anschließt
und im Nord-Osten von Umbrien begrenzt wird.
Italien wurde nach der römischen Zeit zum Eroberungsgebiet, und besonders
Tuszien war lange ein Streitapfel zwischen Papst, deutschem Kaiser und dem König
von Frankreich. Viterbo und Orvieto, oft selbst miteinander zerstritten, sind
die Städte, die hauptsächlich in diese Auseinandersetzungen verwickelt
waren. Der Felsen von Montefiascone war, wegen seiner beherrschenden und verteidigungsgünstigen
Lage, ständig das Generalquartier von Truppen, die, je nachdem, wer gerade
siegte, zur Kirche oder zu den Invasoren gehörten.
Tuszien ist vulkanischen Ursprungs. Fast alle seine historischen Zentren sind
aus Tuffstein und auf Tuffstein gebaut: Pitigliano, Sovana, Tuscania, Orvieto,
Civita di Bagnoregio, usw. Sie sind ein großes kulturelles Erbe, und sie
haben ihre mittelalterlichen Strukturen unbeschädigt in perfekter Harmonie
mit der Umgebung bewahrt. Man spricht von ``Tuffstein-Kultur``.
Der
Vulkan
(seit 2 Millionen Jahren)
Zentralitalien, das bis dahin vom Meer bedeckt war, wurde, vor zwei Millionen
Jahren, durch tektonische Faltung gehoben. Vor ca. 600 000 Jahren wurden in
unserer Region die aufgetauchten Meeresablagerungen von mehr als hundert Vulkanen
zerrissen. Aus ihnen strömte mit Wucht eine enorme Menge vulkanischer Materie,
die weite Gebiete zwischen den Flüssen Paglia, Tiber und Fiora bedeckte.
Die vulkanische Tätigkeit im sogenannten Vulsino war vorwiegend explosiv.
Der Auswurf enthielt wenig Lava, aber viel Asche und Lavabrocken. Das Auswerfen
dieser vulkanischen Masse leerte die magmatische Kammer. Durch das Gewicht des
außen angehäuften Materials stürzte die Oberfläche ein,
und es entstand eine Wanne, die man Caldera nennt. Diese Wanne füllte sich
nach und nach mit Regenwasser, und so entstand der Lago di Bolsena.
Weitere Seen vulkanischen Ursprungs in Tuszien sind die Seen Vico, Mezzano,
Monterosi, südlich in der Provinz Rom die Seen Mantignano, Bracciano, Nemi
und Albano. Im Norden, in der Toskana, hat sich die Vulkantätigkeit um
den Monte Amiata herum abgespielt. Die Thermen von Saturnia, die Tufffelsen
von Pitigliano, Sovana, usw. sind ebenfalls Zeugen früherer vulkanischer
Tätigkeit.
Die Höhe der vulkanischen Krater rund um den Lago di Bolsena war wegen
der geringen Menge Lava, die an den Kraterhängen herabfiel, mäßig.
Die Asche wurde weit hinaus geschleudert und bildete eine Schicht von einigen
zehn Metern. Sie verfestigte sich im Laufe von Tausenden von Jahren und wurde
zu Tuffstein. Es ist das Gestein, mit dem am Ende jener ferner Zeiten, alle
menschlichen Ansiedlungen in dieser Gegend gebaut worden sind. Härteres
vulkanisches Gestein sind Peperin, ``Nenfro``, Basalt, poröses Bimsstein
und Lapill.
Über dem dicken, aus Meerestiefen stammenden, Tuffstein erheben sich noch
gut sichtbar zahlreiche Krater wie z. B. Montefiascone, Capodimonte und die
Inseln des Lago di Bolsena. Darüber hinaus sind die Hügel aus Lapill
wie Valentano und Monte Calvo (der äußerste Krater westlich des vulkanischen
Bereichs) bemerkenswert.
Bei nachlassender vulkanischer Aktivität wuchsen allmählich überall
Pflanzen. Mit ihnen kamen die pflanzenfressenden Tiere (unter ihnen die Elefanten,
wie ein Stoßzahn beweist, der heute im Museum von Valentano aufbewahrt
wird), dann die fleischfressenden und schließlich die Menschen.
Die
Erosion des Regenwassers
(seit 600 000 Jahren)
Regenwasser hat das Territorium modelliert, das aus weichem Tuffstein besteht.
Die Flüsse schnitten sich langsam immer tiefer ein. Sie formten weite Täler
und tiefe Rinnen, die mit einer gewissen Übertreibung als ``Schluchten``
bezeichnet werden. Darum ist unsere Landschaft ``das Land der Schluchten und
Seen`` genannt worden.
Die Flüsse, wie wir sie heute sehen, z. B. Olpeta, Lente und Fiora sind
unbedeutende Rinnsale im Verhältnis zur Größe und Tiefe der
Schluchten, in denen sie fließen. Ein augenfälliges Zeichen dafür,
dass ihre Wasserführung im Laufe der vorausgegangenen Hunderttausende von
Jahren sehr viel mächtiger und wilder gewesen ist. Wir haben keine ausreichenden
Zeugnisse jener weit zurückliegenden Zeit. Wenn man jedoch die relativ
kurz zurückliegenden Ereignisse bedenkt und den Lago di Bolsena mit einem
riesigen Regenmesser gleichsetzt, stellt man auf Grund von Erosionen fest, dass
vor 13 000 Jahren (die Epoche, in die manche die Sintflut datieren) der Wasserspiegel
viel höher war als heute, um ca. 15 m. Das ist ein Indiz dafür, dass
wesentlich mehr Regen gefallen ist, und dass die Flüsse infolgedessen viel
ungestümer waren.
Die Lavareliefs, zusammen mit den tief eingegrabenen Flussbetten, haben dem
Land eine besondere Boden-beschaffenheit verliehen. Diese hat am Ende der ältesten
Zeiten die Lage eines großen Teils der heute bewohnten Zentren bestimmt.
Die Ansiedlungen wurden in der Nähe von Wasser und fruchtbaren Böden
gebaut und unter dem Gesichtspunkt leichter Verteidigung. Deshalb wurden hochgelegenen
Zonen über den Tuffgräben bevorzugt. Sie zeigen die Form eines Schiffsbugs,
die sich durch das Ineinanderfließen zweier Flüsse ergibt. Dafür
finden sich viele Beispiele: Pitigliano, Sorano, Farnese, Ischia di Castro,
Orvieto, das zerstörte Castro, usw. Auch die vulkanischen Kegel wie zum
Beispiel Montefiascone, Valentano, Capodimonte und viele andere, waren günstig
zu verteidigen. Im Laufe der Jahrhunderte änderten sich die Ansprüche
an die Verteidigung nicht, weshalb die bewohnten Zentren an den gleichen Orten
geblieben sind, die von den ersten Bewohnern ausgewählt worden waren. Wenn
diese Orte aus irgendeinem Grund zerstört wurden, wurden sie dort wieder
aufgebaut, wo das Material der alten Gebäude geborgen wurde. Die bewohnten
Zentren sind im Großen und Ganzen unangetastet geblieben und haben ihre
mittelalterliche Struktur bewahrt.
Die Natur hat sich dagegen sehr verändert. Viele der alten Wälder
sind abgeholzt worden, um Platz für die Landwirtschaft zu schaffen. Einige
ansehnliche Beispiele sind jedoch erhalten: Das Cimini-Gebirge, das Castrogebirge,
der Monte Rufeno und der Selva del Lamone. In letzterem erschwert eine ungeheure
Menge vulkanischer Steine den Zugang.
Die
Etrusker
(Vom X bis III Jh. v. Ch.)
Die Etrusker waren ein Volk orientalischer Herkunft, vielleicht aus Lydien,
das sich, vom X Jh. an, in Mittelitalien zwischen dem tyrrhenischen Meer und
den Flüssen Arno und Tiber niederließ. Nach und nach siedelte es
auch nördlich und südlich der genannten Flüsse. Die Etrusker
gewannen die Oberhand über die weniger entwickelte alt eingesessene Bevölkerung,
mit der sie schließlich verschmolzen. Sie leisteten Ausgezeichnetes in
der Bearbeitung von Metallen, in der Herstellung von Waffen, in der Kunst, der
Schifffahrt, den Techniken der Hydraulik und des Bauwesens. Sie waren in zwölf
Städtebünden organisiert. Dem zentralitalienischen Bund gehörten
an: Arezzo, Cervetri, Chiusi, Cortona, Prugia, Populonia, Tarquinia, Veio, Vetulonia,
Volsinii, Volterra und Vulci. Jeder wurde von einem ``Lucumone`` geführt.
Die zwölf Lucumonen trafen sich einmal im Jahr in einem Tempel, Fanum Voltumne,
in der Nähe des Lago di Bolsena (um über die gemeinsamen Angelegenheiten
zu beraten. Die Beschlüsse waren bindend).
Die älteste von den Etruskern gegründete Stadt, im VIII Jh. v. Ch.,
war wahrscheinlich Tarquinia. Ihre höchste Entwicklung erreichte sie im
VI Jh. Dann begann ihr langsamer Verfall, und um das III Jh. v. Ch. wurde sie
von ihren hartnäckigsten Widersachern, den Römern, unterworfen.
Die Etrusker sind für uns immer noch rätselhaft, weil sich keine Originalschriften
gefunden haben, die mit Bestimmtheit auf ihre Herkunft und Geschichte schließen
lassen. Die gemeißelten Inschriften auf den Gräbern reichen kaum
hin, ihr Alphabet zu verstehen. Die verfügbaren geschichtlichen Aufzeichnungen
sind reichlich zweifelhaft, weil sie von römischen Historikern erst überliefert
wurden, nachdem schon einige Jahrhunderte verstrichen waren.
Keine etruskische Stadt ist wiedergefunden worden. Alle wurden zerstört
und von der nachfolgenden Bevölkerung wieder aufgebaut. Allerdings sind
unzählige in Tuffstein gehauene Gräber erhalten, in denen öfter
die Umgebung nachgebaut ist, in der die Verstorbenen gelebt haben. Es wurden
den Toten persönliche Gegenstände mit in das Grab gegeben, weil man
an die Fortdauer des Lebens nach dem Tod glaubte. Große Teile dieser Grabbeigaben
sind im Laufe der Jahrtausende zerstört oder geraubt worden. Dennoch werden
viele in großen und kleinen Museen aufbewahrt. Durch sie haben Archäologen
die Geschichte und die Art und Weise des etruskischen Lebens rekonstruieren
können. Die Illustrationen der bemalten Vasen und die Fresken der Gräber
geben mehr Hinweise, als es ein geschriebener Text könnte. Das sich wohl
Befinden der Etrusker, ihre geistige Haltung und Überlegenheit den irdischen
Dingen gegenüber, spiegelt sich in dem ironischen Lächeln, das ihre
Gesichter erhellt. In Tuszien findet man die wichtigsten Gräber in Norchia,
Tarquinia, Tuscania, Cervetri und Vulci. Viele andere kleinere, aber sehr interessante,
gibt es in kleineren Orten wie z. B. in Sovana.
Im westlichen vulkanischen Vorgebirge von Capodimonte lag die wichtige etruskische
Stadt Bizenzo. Das bezeugen die vielen zerstörten Gräber im Tal. Auf
dem Berg ist noch ein interessantes Kolumbarium aus etruskisch-römischer
Zeit zu sehen. Das wichtigste etruskische Museum ist die Villa Giulia in Rom.
Weitere etruskischen Museen sind in unserer Region in Vulci, Viterbo, Tarquinia,
Tuscania und auch in kleineren Ortschaften wie Ischia di Castro, Bolsena usw.
Die Etrusker haben als Straßen gewöhnlich ``Hohlwege`` tief in den
Tuffstein gehöhlt, oder besser, gehauen, wahrscheinlich, um das außerordentliche
Gefälle auszugleichen und so die Durchfahrt für ihre Fuhrwerke zu
ermöglichen. Von diesen Hohlwegen kann man viele Beispiele in der Gegend
von Pitigliano, Ansedonia und Castro sehen.
Die
Römer
(753 v. Ch.-476 n. Ch.)
Es ist bemerkenswert wie Rom, ursprünglich eine kleine Stadt wie so viele
andere auf der europäischen Landkarte, sich aufmachte, um in kurzer Zeit
die ganze damals bekannte Welt zu erobern, obgleich es von mächtigen Völkern
umgeben war. Im Norden von Etruskern und Galliern, im Süden von den Griechen
Großgriechenlands und den Karthagern.
Mit dem Vormarsch der Römer nach Norden wurden die etruskischen Städte
eine nach der anderen zerstört. Zuerst Cerveteri, dann 309 v. Ch. Tarquinia.
Im Jahr 264 v. Ch. eroberten die Römer die etruskische Stadt Velzna, der
Ort, an dem sich heute Orvieto befindet. Ihre Bewohner wurden vertrieben und
wurden nicht weit entfernt vom heutigen Bolsena angesiedelt, an einem Platz,
der schlecht zu verteidigen war.
Die Römer nahmen die immensen Reichtümer von Velzna in Besitz. Plinius
berichtet, dass zweitausend Statuen aus Gold, Silber und Bronze mitgeschleppt
wurden, um den Campidoglio zu schmücken, wenige Jahrzehnte später
aber benutzt wurden, um die Münzen für die Finanzierung des zweiten
Krieges gegen die Karthager zu prägen. Die flachen Küstenstreifen
entlang des tyrrhenischen Meeres waren mit den blauen Blüten des Flachs
bedeckt. Das daraus hergestellte Leinen diente zur Herstellung der Segel für
die Hundertschaften von Booten, die von den Römern in großer Hast
für den Kampf gegen Karthago gebaut wurden.
Während der vollen Entfaltung des Römischen Reiches breitete sich
das Christentum aus. Im Versuch den grausamen Verfolgungen zu entkommen, versammelten
sich die Christen heimlich in Katakomben. Es gibt auch eine in Bolsena. In Bolsena
wurde um 300 unter Diokletian die junge Cristina gemartert, später heiliggesprochen
und zur Patronin der Stadt ernannt. Das wird jedes Jahr am 24. Juli mit bewegenden,
lebenden Bildern gefeiert, um an die Qualen zu erinnern, die Cristina erleiden
musste.
Im Jahr 313 trat Kaiser Konstantin zum Christentum über, das er zur Staatsreligion
erklärte. Der Kirche flossen Geschenke, Güter und Erbschaften zu,
und im Laufe weniger Jahre wurde auch sie zu einer wirtschaftlichen Macht. Dem
Bischof von Rom wurde als rechtmäßigem Nachfolger des Apostels Petrus,
der in Rom den Märtyrertod erlitten hatte, eine herausragende Rolle zuerkannt.
395 spaltete sich das Römische Reich in das Oströmische, an Griechenland
orientierte, Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel (ehemals Byzanz) und in
das Weströmische Reich mit der Hauptstadt Rom. Das letztere hörte
476 auf zu bestehen, als Odoakar, der Befehlshaber der germanischen Truppen,
den letzten Imperator, Romulus Augustus, absetzte. Mit der Inthronisierung Odoakars
begann das ``andere Mittelalter``, jene historische Periode, die im Jahr 1200
zu Ende ging.
Mit dem Fall des Weströmischen Reiches endete Roms Rolle als ``Zentrum
der Welt`` nicht. Sie festigte sich vielmehr durch die Anwesenheit des Papstes
und die ungeheure Macht der Kirche in der Welt.
In Tuszien und in seiner Nachbarschaft gibt es nur wenige gut erhaltene römische
Denkmäler. Die Amphitheater von Sutri und Ferento und die in Cosa und Vulsinii,
die immer noch für theatralische und konzertante Aufführungen genutzt
werden, sind die interessantesten.
Die
Goten
(489 – 553)
Peking, eine andere entwickelte Welthauptstadt, hatte einige Tausend Kilometer
östlich, ihr Reich in einer ``Grossen Mauer`` eingeschlossen. Zwischen
den Grenzen des Römischen Reiches, das durch den ``Limes`` geschützt
wurde, und der chinesischen Mauer lebten die ``Barbaren``. Sie waren ein Gemisch
nomadischer Völker: Westgoten, Ostgoten, Wandalen, Langobarden, Ungarn,
Awaren, Hunnen, Mongolen, Skythen und andere. Sie drangen, mit Sehnsucht nach
neuem Lebensraum und Abenteuer, häufig in die zwei Reiche ein. Ihr bevorzugtes
Ziel war Rom.
Die Goten kamen in den Jahren 489 – 93 nach Italien, überrannten
die Residenz von Odoakar und töteten ihn. Theoderich, ihr König, gründete
ein Reich mit der Hauptstadt Ravenna. Für sich behielt er die Militärverwaltung
bei, den Römern ließ er die Zivilverwaltung und tolerierte ihr Christentum,
während sein Volk den Arianismus praktizierte. Sein minderjähriger
Sohn Athalarich folgte ihm nach seinem Tod. Dessen Mutter Amalasuntha war Regentin.
Der junge Athalarich starb wenig später, und Amalasuntha wurde 535 Königin
der Goten. Theodat, einer ihrer Vettern, glaubte beim Tod des Athalarich, er
hätte höhere Rechte, den Thron zu erben. Sie beendeten ihren Widerstreit
durch Heirat, doch kurz darauf setzte Theodat Amalasuntha auf der Insel Martana,
im Lago di Bolsena, gefangen. Dort ließ er sie ermorden und wurde König
der Goten. Amalasuntha hatte, aus Angst vor Theodat, vor der Heirat Justinian,
den Kaiser Ostroms, um Hilfe gebeten. Der schickte, wenn auch zu spät,
sein griechisches Heer, das der Herrschaft der Goten 553 ein Ende machte.
Unter Justinian wurden die Reiche von West und Ost wieder vereint, und das Mittelmeer
wurde wieder ``Unser Meer``. Die ``Barbaren``, die seit je keine Flotte hatten,
wurden ins Binnenland zurückgetrieben.
Araber und Langobarden zeigten jedoch schon bald wie zerbrechlich die Wiedervereinigung
des Reiches war.
Die
Langobarden
(568 – 773)
Die Langobarden, auch germanischer Herkunft, zogen 568 nach Italien und besetzten
den Norden und Teile der Mitte, einschließlich Viterbo. Als Hauptstadt
wählten sie Pavia. Die Griechen mussten vor der siegreichen Reiterei der
Langobarden zurückweichen. Aber sie retteten erfolgreich Pentapoli, den
Streifen befestigten Landes von Rom bis Ravenna, der Italien in zwei Teile trennte.
Die Invasoren besetzten südlich dieses Streifens Spoleto und Benevento.
Das besetzte Gebiet wurde in Herzogtümer eingeteilt, die mehr oder weniger
unabhängig waren.
Gregor I wurde 590 Papst. Er erklärte feierlich den Primat des Bischofs
von Rom: Der sei der höchste Richter in allen religiösen, dogmatischen
wie disziplinarischen Fragen. Das war eine ausdrückliche Bekräftigung
der Autorität und nicht nur eine ehrenvolle Würdigung wie in der Vergangenheit.
Die große hierarchische Organisation der Bischöfe Europas wurde damit
der Kirche in Rom unterstellt. Viele Herrscher der ``Barbaren`` hingen noch
dem Arianismus und anderen heidnischen Göttern an. An ihrer systematischen
Bekehrung arbeiteten Heerscharen von Missionaren, ganze Ordensgemeinschaften
und Angehörige von Abteien. Unter den ersten Bekehrten waren die Langobarden.
Ihr König Authari heiratete die katholische Theudelinde. Sie war die Königin,
die zusammen mit dem Papst, das Bekehrungswerk vorantrieb..
Auf Authari folgte Luitprand, der auch zum Christentum übertrat. 728 schenkte
er den ``seligen Aposteln Petrus und Paulus``, das heißt, der Kirche,
die Burgen von Sutri und Nepi, südlich von Viterbo. Dieser Zuwachs bildete,
mit den angehäuften Reichtümern der konstantinischen Epoche, den Grundstock
für das ``Land Petri``, dessen Einkünfte in jener Zeit für vordringliche
barmherzige Zwecke benutzt wurden. Obwohl es keinen Plan gab, aus der Kirche
einen Staat zu machen, begann in jener Periode der langsame historische Prozess,
der dem Papst territoriale Unabhängigkeit sicherte.
Konstantinopel, das die Araber und Perser aufhalten musste, die seine Grenzen
im Osten bestürmten, war nicht mehr in der Lage, Pentapoli zu verteidigen.
Die Langobarden nahmen die Gelegenheit wahr, besiegten Ravenna und bedrohten
Rom.
Die Päpste, die sowohl von der schwachen Vormundschaft Konstantinopels,
als auch vom Druck der Langobarden frei sein wollten, baten die Franken um Hilfe.
Sobald diese nach Italien gekommen waren, besiegten sie Desiderius, den letzten
König der Langobarden. Damit setzten sie deren Reich 773 ein Ende.
Viele Langobarden blieben in Italien, besonders in Como, wo sich die Schule
der ``Meister von Como`` entwickelte (Bildhauer, Architekten, Maurer und Steinmetzen).
Die hat zur Entwicklung einer Bautradition beigetragen, die schließlich
in den romanischen Stil mündete.
Für den romanischen Stil gibt es in Tuszien viele Beispiele: das Ziborium
im Dom von Sovana, San Flaviano in Montefiascone, die Kirche San Pietro e Santa
Maria in Tuscania und die Krypta im Dom von Acquapendente.
In jener Zeit breitete sich das Mönchstum aus. Es gab sich strenge Regeln,
die Gebet, geistige und körperliche Arbeit vorschrieben. Mit dem Mönchstum
kam das Eremitenwesen nach Tuszien. Die Eremiten lebten von Almosen, in einsamen
Grotten, weit abseits bewohnter Zentren. Einige Klausen finden sich in den Felsen,
von denen die Flüsse Fiora und Olpeta gesäumt werden. Besonders interessant
ist die Klause von Poggio Conte, nahe der Brücke San Pietro.
Der
Islam
(seit 632)
Am Ende des Jahres 632, Mohammeds Todesjahr, begann sich in der Mittelmeerregion
die islamische Religion auszubreiten. Araber eroberten Anatolien, Sizilien und
den Norden Afrikas. Sie überquerten die Meerenge von Gibraltar und besetzten
den Süden von Spanien. Cordoba und seine Moschee wurden das Herz der arabischen
Welt. ``Unser Meer`` wurde ein arabischer See. Diese neuen Eindringlinge in
Europa waren Gegner des Christentums und der römischen Kultur, ohne irgendeine
vermittelnde Gemeinsamkeit. Sie überschritten von Spanien aus die Pyrenäen
mit der Absicht, in das Reich der Franken und in Europa einzudringen. Die schwache
Dynastie der Merowinger herrschte damals über die Franken, aber ihr großer
Vasall Karl Martell besaß wirkungsvolle Macht. Er besiegte die Araber
732 bei Poitiers und hielt sie auf.
Die Sarazenen, die sich auf Sardinien und Korsika niedergelassen hatten, überfielen
und plünderten Tuszien in den folgenden Jahrhunderten mehrmals. Die Bevölkerung
baute, um den Raubzügen, dem Tod und der Sklaverei zu entgehen, entlang
der Küste ein Netz von Signaltürmen, deren Reste noch zu sehen sind.
Einmal schifften sich die Sarazenen in Ostia ein und plünderten den Petersdom.
964 machten sie Vulci dem Erdboden gleich. Die Bewohner der Küste von Tuszien
verließen deshalb ihre Dörfer und flüchteten auf einen höher
gelegenen Hügel, wo sie Montalto gründeten. Die Bewohner von Marta
und Capodimonte brachten sich mehrmals auf den Inseln des Lago di Bolsena in
Sicherheit.
Das
Wachsen des Kirchenstaates
(773 – 786)
Der Papst hatte sich, um Hilfe gegen die Langobarden zu erhalten, an Pippin
den Jüngeren, den Sohn Karl Martells, gewandt. Eine fränkische Gesandtschaft
ging nach Rom, um sich mit dem Papst darüber zu beraten, wer über
die Franken herrschen solle. Der Papst Zacharias antwortete: „ Es ist
besser, dass der König wird, der wirkungsvolle Macht besitzt, als der,
der rechtmäßig König ist, aber keine Macht hat “. Das
war das Ende der Dynastie der Merowinger und der Beginn der Dynastie der Karolinger.
Pippin der Jüngere wurde der treueste Verbündete der Kirche. Er befreite
Pentapoli von den Langobarden, und anstatt das Oströmische Reich wieder
herzustellen, schenkte er es dankbar der Kirche..
Pippin der Jüngere starb 768, ihm folgte sein Sohn Karl der Große,
der, wie oben gesagt, nach Italien kam, Desiderius besiegte und die Herrschaft
der Langobarden endgültig beendete. Er verwandelte die langobardischen
Herzogtümer in Grafschaften und Markgrafschaften und führte damit
den Feudalismus ein. 786 trat er vom langobardischen Tuszien (das damals auch
große Teile der heutigen Toskana umfasste) Viterbo, Orvieto, Sovana, Marta,
Montefiascone, Tuscania und Bagnoregio an den Papst ab.
Das abgetretene Gebiet erhielt den Namen Tuscia Romanorum (römisches Tuszien).
Die Provinz Viterbo heißt noch heute Tuszien (Tuscia), während der
gleiche Name sich im Norden nach und nach in Toskana (Toscana) verwandelt hat.
Das
Heilige Römische Reich der Karolinger
(800 – 888)
Das Reich der Franken, das große Teile des heutigen Frankreich und Deutschland
umfasste, war die größte Militärmacht jener Zeit. In diesem
Reich und weit jenseits seiner Grenzen, verfügte die Kirche, mit etwa zehn
Millionen Gläubigen, über eine verästelte hierarchische Organisation,
die sich aus bischöflichen Diözesen, Pfarreien, Klöstern und
Abteien zusammensetzte. Jede Pfarrei, vom Atlantik bis Osteuropa, von Irland
bis Sizilien besaß wenigstens eine Pfarrkirche. Die war einem Pfarrer
anvertraut, der unter anderem die Funktion eines strengen geistigen und politischen
Führers zu erfüllen hatte.
Die Allianz zwischen Monarchie und Papsttum rief das größte imperiale
Projekt des Mittelalters ins Leben.
Am Weihnachtstag im Jahr 800 krönte Papst Leo III Karl den Großen
zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und stellte ihn so dem christlichen
Herrscher von Konstantinopel gleich. Karl der Große war wirklich zeitweise
das Haupt der Kirche. Fordernd schrieb er an den Papst: “ Unsere Aufgabe
ist es, die Kirche Christi an jedem Ort zu verteidigen, die Eure ist es, die
Hände zum Himmel zu erheben und mit Euren Gebeten zu Unserem Kampf beizutragen,
damit Wir überall den Sieg davontragen.“ Karl der Große starb
814.
Unter seinem nachfolgenden Sohn Ludwig, genannt der Fromme, erwarben sich die
Lehnsmänner weitgehende Unabhängigkeit. Karl der Große hatte
sie zu Gehorsam gezwungen. Dazu war Ludwig nicht fähig. Drei Jahre später
wurde das Reich unter seinen Söhnen verteilt, es gab weitere Teilungen,
Konflikte und Rivalitäten, wodurch das Reich in eine ernste Krise geriet,
bis die Dynastie der Karolinger schließlich 888 erlosch.
Das
Kaiserreich unter der Dynastie der Sachsen
(962 – 1014)
Nach dem Ende der karolingischen Dynastie teilte sich das Reich endgültig.
Damals wurde mit einem französischen und einem deutschen Staat die Grundlage
Zentraleuropas geschaffen. Diese beiden Staaten stritten noch lange Zeit um
den Besitz Italiens, das ein begehrtes Objekt für Eroberungen blieb. Die
Päpste machten sich diese Rivalität zu Nutze, indem sie sich mit den
Franzosen gegen die Deutschen verbündeten und umgekehrt, je nach den sich
ändernden Umständen.
Papst Johannes XII rief 962 Otto von Sachsen nach Rom und krönte ihn zum
Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, das inzwischen auf den deutschen
Teil reduziert war. Die Sachsen machten die gesamte kirchliche Hierarchie in
noch höherem Maß zum Vasallen. Sie stabilisierten die kaiserliche
Kontrolle der Papstwahl mit dem Recht auf Widerruf. Kirche und Reich wurden
eine Einheit, ganz zum Vorteil des Reiches. Aus 93 Bischofssitzen und Abteien
Italiens und Deutschlands machte Otto Grafschaften, in denen die Bischöfe
Fürstentitel erhielten. Sie waren fortan Fürst – Bischöfe.
Die Kirche stützte sich auf zehn Millionen Gläubige. Das Reich nutzte,
um am Leben zu bleiben, die kirchliche Hierarchie.
Das Papsttum war in dieser Zeit einerseits in der Hand der kaiserlichen, andererseits
in der Hand der aristokratisch – römischen Fraktion und stürzte
auf sein tiefstes moralisches Niveau. In großem Stil wurden die Ämter
käuflich. Es gab Konkubinat und Korruption. Ein Papst wurde mit einem Kissen
erstickt, ein anderer wurde im Alter von weniger als zwanzig Jahren gewählt.
Dann gab es drei Päpste, die sich wechselseitig exkommunizierten. Es verbreitete
sich auch die unwahrscheinliche Geschichte einer Päpstin. Der Kaiser setzte
damals eine Reihe deutscher Päpste ein. Einige von ihnen wurden vom römischen
Adel verjagt. Die Dynastie der Sachsen hörte im Jahr 1014 auf.
1054 kam die Kirchenspaltung. Der Patriarch von Konstantinopel trennte sich
von der Kirche Roms und gründete die Orthodoxe oder Griechische Kirche.
Das
Kaiserreich unter der fränkischen Dynastie
(Der Investiturstreit, 1073 – 1122)
Auf die Sachsen folgte die fränkische Dynastie. Zwischen Kirche und Kaiser
wurde der Kampf um die Investitur (das Einsetzen in die Macht) vorherrschend.
Papst und Souverän waren sich einig, dass die königliche Gewalt von
Gott gegeben sei. Während aber die Herrscher der Ansicht waren, durch den
direkten Willen Gottes berufen zu sein (Gottesgnadentum), meinten die Päpste,
dass ihnen, als Repräsentanten Gottes auf Erden, das Recht zustehe, den
Souverän zu ernennen.
Im Feudalsystem übertrug der Herrscher während der Zeremonie der Amtseinsetzung
seinem Vasallen das Lehen. Zugleich überreichte er ihm das Schwert als
Zeichen zeitlicher Macht. In nachfolgenden Perioden übergab der Souverän
mit dem Schwert auch den Stab als Symbol göttlicher Macht. Damit nahm er
sich das Recht, die Fürst - Bischöfe zu ernennen.
1073 wurde Hildebrand Papst, unter Beifall des Volkes und nach dem Willen der
Kardinäle. Er war in der Toskana, in Soana (jetzt Sovana) geboren und nahm
den Namen Gregor VII an. Demütig, aber zäh und mutig, war er davon
überzeugt, dass er sein Amt von Christus erhalten hatte, damit er die Kirche
wieder versittliche und dem Papsttum wieder zu seinen Rechten gegenüber
den Herrschern verhelfe. Mit großer Kühnheit verkündete er das
dictatus papae, in dem er unter anderem verfügte: ``nur der römische
Pontifex kann allgemein berufen – der Papst ist der einzige Mensch, dem
alle Souveräne den Fuß küssen – dem Papst ist es erlaubt,
Herrscher abzusetzen – niemand kann eine Entscheidung des Apostolischen
Stuhls verwerfen – die Römische Kirche hat sich nie geirrt und kann
sich nie irren – wer nicht für die Römische Kirche ist, kann
nicht katholisch genannt werden – der Papst kann den Treueschwur lösen,
den er Ungerechten geborgt hat – die geistliche Würde ist der königlichen
Würde überlegen``. Die Herrscher bereiteten als wirkungsvolles Druckmittel
eine Invasion des Kirchenstaates vor. Der Papst exkommunizierte sie. Die Herrscher
antworteten mit der Wahl anderer Päpste, die ihnen willfährig waren.
Kaiser Heinrich IV widersprach Gregor VII, indem er bekräftigte, dass die
königliche Macht direkt von Gott verliehen werde und deshalb nicht von
einem Menschen abhängen könne, auch nicht vom Papst. Er rief die deutschen
Bischöfe zusammen und ließ Gregor VII absetzen. Gregor VII exkommunizierte
ihn. Viele deutsche Bischöfe bereuten daraufhin ihre Tat und sagten sich
von ihrem Herrscher los. In diesen widrigen Umständen zog Heinrich IV,
kurz vor Weihnachten 1076, nach Italien. In Canossa bat er, barfuss und im Büßergewand,
den Papst um Vergebung. Der verzieh ihm nach drei Tagen und nahm ihm den Treueschwur
ab. Das Problem blieb aber ungelöst. Es folgten von neuem Auseinandersetzung,
Absetzung und Exkommunikation. Heinrich IV eroberte Rom 1084 und ließ
einen Gegenpapst wählen. Gregor VII schloss sich in der Engelsburg ein.
Er wurde von den Normannen befreit, die sich in Süditalien niedergelassen
hatten. Er starb im folgenden Jahr in Salerno. Auch Heinrich IV war nicht siegreich.
Er wurde von seinen Lehnsmännern abgesetzt und starb 1106 im Elend. Das
Konkordat von Worms beendete den Kampf um die Investitur 1222 mit einem Kompromiss:
Heinrich V räumte der Kirche das Recht ein, ihre eigenen Prälaten
zu ernennen. Die fränkische Dynastie erlosch 1125.
Die
Kommunen
( XII JH.)
Während sich die Päpste und die Kaiser um die Investitur stritten,
hatte die Bevölkerung, die bis dahin wie Vieh von einem Lehnsherrn einem
anderen übergeben worden war, Vertrauen zur eigenen Stärke gefasst
und sich in Kommunen organisiert. Sie ersetzten die vom Papst oder Herrscher
ernannten Feudalen durch einen vom Volk gewählten Magistrat. Kirche und
Herrscher konnten den Wunsch nach Freiheit nicht bändigen. Deshalb, und
um des eigenen Vorteils willen, wetteiferten sie darum, den Kommunen Freiheiten
zuzugestehen. Sie erwarteten als Gegenleistung die Hilfe der kommunalen Milizen.
Die Parteigänger der Herrscher hießen ``Ghibellinen``, die der Päpste
``Guelfen``. Die Revolution der Kommunen war von außerordentlicher Bedeutung.
Denn mit ihren Räten, Beschlüssen, Verordnungen usw. schufen sie das
neue italienische Recht, eine neue Kunst und die italienische Sprache. Die Kommunen
erkannten den Pontifex als einzige geistige Autorität an. Seine Einmischung
in ihre bürgerlichen Angelegenheiten akzeptierten sie nicht. Die ersten
Kommunen Tusziens, die gegen die päpstliche Autorität aufstanden,
waren Viterbo, Orvieto, Tuscania und Castro. Die kleinen Gemeinden schlossen
sich den größeren an, um nicht allein da zu stehen. Sie versprachen
den größeren, einen jährlichen Zins zu zahlen und unter deren
Kommando Krieg zu führen oder Frieden zu halten. Das Motto der Allianz
war einfach: ``Sei der Freund meiner Freunde und der Feind meiner Feinde``.
Die verschiedenen Versprechen wurden bei den Evangelien geschworen.
Die Kommunen hatten die unwiderstehliche Leidenschaft, ihr eigenes Gebiet zu
erweitern. Die Burgen unserer Region wurden deshalb zwischen ihnen ein weiteres
Jahrhundert, in Kriegen und Verhandlungen, einmal diesem, dann wieder jenem
zugeschlagen. Castro und Sovana kämpften um den Besitz der Maremma gegen
Siena, um den Besitz des Lago di Bolsena kämpfte Orvieto gegen Viterbo,
Tuscania gegen Viterbo immer um das Tal des Sees, Viterbo gegen Rom aus traditioneller
Feindschaft. Viele Runden des Kampfes zwischen Papst und Kaiser spielten auf
dem Schauplatz Viterbo und Orvieto. Beide waren entweder Favoriten des Papstes,
oder vom Kaiser umschmeichelt, weshalb sie notwendiger Weise für den einen
oder anderen der Streitenden, Partei ergreifen mussten.
Das
Kaiserreich unter den Hohenstaufen
(1125 – 1218)
Der fränkischen Dynastie folgten die Hohenstaufen. Die Auseinandersetzungen
mit der Kirche dauerten unter Kaiser Friedrich I, genannt Barbarossa, und seinem
Enkel Friedrich II an. Barbarossa unternahm vier Feldzüge nach Italien,
gegen den Papst und seine Guelfen. Er erlaubte 1164 Viterbo, das damals ghibellinisch
war, den Doppeladler im Wappen zu führen, der das Kaiserreich repräsentierte.
Viterbo stellte sich schon deshalb hinter Barbarossa, um die verhassten Römer
zu schlagen. 1167 überfiel die viterbesische Miliz Rom, von wo sie siegestrunken
die bronzenen Türen mitnahm, die sie im Petersdom aus den Angeln gehoben
hatte.
Viterbo war der Sitz zweier von Barbarossa eingesetzter Antipäpste. Diese
blieben Anhänger des Kaisers, bis der in der Lombardei von einer Liga der
Guelfen geschlagen wurde. Auch Viterbo wurde besiegt und unter die Kontrolle
der Kirche gestellt. Die geraubten Türen mussten zurück gegeben werden.
Friedrich Barbarossa ertrank 1189.
Friedrich II, König von Neapel und Sizilien, hatte einen deutschen Vater
und eine sizilianische Mutter. Er wurde 1220 zum Kaiser gekrönt und hielt
sich an die Politik seines Großvaters. Es gelang ihm durch Verhandlungen
mit den Muselmanen, Jerusalem zurück zu gewinnen, dessen König er
sich nannte. Als er Streit mit Gregor IX bekam, wurde er exkommuniziert. Auf
dem Vormarsch nach Rom besetzte er die Burg von Montefiascone. In Viterbo wurde
er zunächst von den Ghibellinen gern empfangen. Dann konnten aber ein Kardinal
und eine junge Frau namens Rosa (die später heilig gesprochen und Patronin
der Stadt wurde) viele von ihnen überzeugen, sich den Guelfen an zu schließen.
Die Guelfen besiegten Friedrich, jagten ihn aus der Stadt, und er wurde von
Papst Innozenz IV exkommuniziert. Es folgte ein Bürgerkrieg in Deutschland,
der mit seiner Absetzung endete, ``von Gott aller seiner Ehren und Würden
entkleidet``. Das Reich ging 1218 an die Habsburger.
Friedrich II blieb König von Sizilien. Sein Hof in Palermo wurde unter
dem Einfluss der arabischen Kultur ein Zentrum von Literatur, Künsten und
Wissenschaften. Friedrich selbst schrieb in Latein eine Abhandlung über
die Falkenjagd. Er gründete die Universität von Neapel und ließ
viele Bauten errichten, unter ihnen das berühmte Castel del Monte in Apulien.
Mit seinem Tod, er starb unerwartet 1250, endeten die Hohenstaufen. Aber der
Streit mit der Kirche wurde von Manfred, König von Sizilien und natürlicher
Sohn Friedrichs II, wieder aufgenommen.
Innozenz III (1198 – 1216), war einer der hauptsächlichen Verteidiger
der kirchlichen Rechte. Er verhalf dem Papsttum zu seiner größten
Macht. Er war es auch, der die Burg von Montefiascone als den tauglichsten Ort
erkannte für den Aufenthalt des kirchlichen Statthalters in Tuszien.
Gregor IX richtete 1231die Inquisition ein und betraute damit den Orden der
Dominikaner. Als Innozenz IV die Inquisition ab 1252 ermächtigte, zu foltern,
wurde den Mitteln der Verfolgung der Terror hinzugefügt.
Manfred
(1250 – 1266)
Papst Urban IV hatte, wegen der Rebellion der Kommunen, die Kontrolle über
den Kirchenstaat verloren. Von Rom, das eine freie Kommune geworden war, wurde
er gezwungen, aus Rom zu fliehen. Er flüchtete 1261 nach Viterbo und Orvieto.
Das beherbergte ihn weniger aus Unterwürfigkeit, als vielmehr seines eigenen
Ansehens wegen und aus vorteilhaften wirtschaftlichen Gründen. Urban war
ein französischer Papst. Er war nicht gut gelitten bei den Ghibellinen,
die ihn als ``Skorpion und hoch giftige Schlange`` bezeichneten. Er flüchtete
deshalb am Ende nach Perugia. Die Politik Urbans war, eine eigene territoriale
Basis in Tuszien zu schaffen, von der aus Rom zurück erobert werden konnte.
Er ließ die Festung von Montefiascone verstärken, und er erwarb durch
Krieg und Verhandlungen Marta, Valentano und die zwei Inseln im Lago di Bolsena.
Die politische Situation war misslich. Die Ghibellinen von ganz Italien übten
Druck auf Manfred, den König von Sizilien, aus. Er sollte den schon taumelnden
Herrn der Kirche endgültig niederstoßen und sich die Krone Italiens
aufsetzen. Der Papst wandte sich, um Manfred zu widerstehen, an den Hof von
Frankreich und bot Karl von Anjou, dem Bruder des französischen Königs,
das Reich Manfreds an. Die Ghibellinen überschüttete er mit einer
Flut von Exkommunikationen, und er schickte nach Viterbo Briefe, randvoll mit
Schmeicheleien, Nachsicht und tausend Segnungen des Himmels, um Hilfe zu bekommen.
Die Viterbesen ließen sich überzeugen und entschieden, die Waffen
zu Gunsten der Kirche zu ergreifen. Franzosen und Viterbesen besiegten die sarazenischen
Milizen des Manfred und seine alliierten Ghibellinen. Urban IV starb in der
Zwischenzeit, aber seine Nachfolger konnten als Sieger nach Rom zurückkehren.
Die
Verlegung der Papstresidenz nach Avignon
(1305)
Die Kardinäle versammelten sich 1268 im Papstpalast von Viterbo, um einen
neuen Papst zu wählen. Die einen wollten einen französischen Papst,
die anderen eine italienischen. Philipp III, König von Frankreich, sein
Bruder, Karl von Anjou und der Fürst Enrico di Cornovaglia kamen persönlich
nach Viterbo, um die Wahl voranzutreiben. Der Fürst wurde aus persönlichen
Motiven während einer Messe in der Kirche S. Silvestro ( jetzt S.Gésu)
gemeuchelt. Die Monate vergingen, ohne dass die Kardinäle sich einig wurden.
Sie wurden im Palast mit der Drohung eingeschlossen (clausi cum clave), dass
sie erst nach vollzogener Wahl hinauskämen. Die Bevölkerung deckte
das Dach ab, als die Situation andauerte, und teilte ihnen das Essen zu. Schließlich,
fast drei Jahre nach Beginn des Konklaves, wurde der Italiener Gregor X gewählt.
Eine Reihe von Päpsten, die nur kurz lebten, folgte ihm. Der italienische
Nikolaus III Orsini war einer von ihnen. Er tat sich dadurch hervor, dass er
seine Verwandten bereicherte.
Der König von Frankreich bewirkte in Viterbo 1305, mit tausend Intrigen,
die Wahl eines französischen Papstes, der sich seiner Politik unterwarf.
Dieser kam nicht nach Italien, nicht einmal zum Konklave. Er ließ sich
in Avignon nieder, wohin er auch den gesamten päpstlichen Hof umsiedeln
ließ.
Eine
Folge unglücklicher Ereignisse
(1310 – 1348)
Statthalter repräsentierten die Kirche im Stammland. Weil sie Franzosen
waren, interessierten sie sich nur dafür, Geld anzuhäufen. Und sie
übten eine bedrückende Diktatur aus.
Die Ghibellinen, unter ihnen Dante Alighieri, machten sich in dieser Zeit neue
Hoffnungen, weil der Papst nicht da war. Sie empfingen mit Begeisterung Kaiser
Heinrich VII von Luxemburg, der 1310 mit einem starken Heer nach Italien kam.
Der erkrankte jedoch südlich von Siena und starb. Seine Soldaten hegten
den Verdacht, dass er von einem Geistlichen vergiftet worden war, weshalb sie
ein Blutbad unter Geistlichen anrichteten. Der Traum der Ghibellinen, von der
Gründung eines einigen und weltlichen Italiens, ging mit dem Tod Heinrichs
endgültig unter. 1326 kam Ludwig der Bayer, der sich in S. Peter zum Kaiser
krönen lassen wollte. Am Ende wurde ein Antipapst gewählt, der 25
Jahre vorher, auf Anstiftung des französischen Königs, Philipp des
Schönen, Papst Bonifazius VIII in Anagni geohrfeigt hatte. Der Bayer richtete
in Tuszien große Zerstörungen an, aber auf seinem Rückweg nach
Deutschland erlitt er Niederlagen in Florenz und Mailand.
1348 brach die Pest aus, mit schwarzen Beulen in Achseln und Leisten. Die Menschen
wurden unter rasend schnellem Verfall innerhalb von drei Tagen hinweggerafft.
Dreiviertel der Bewohner von Orvieto, Viterbo und Florenz starben. Der Adel
versuchte, sich durch Flucht in Orte auf einsamen Hügeln zu retten. Boccaccio,
der nach Fiesole geflüchtet war, schrieb während dieser Epidemie das
Decamerone. Orvieto und Viterbo waren so entvölkert, dass die Überlebenden
aus den umliegenden Ortschaften gerufen wurden, sodass diese, verlassen, zu
Ruinen verfielen.
Die
Rückkehr des Papstes nach Rom
(1352 – 1367)
Viterbo profitierte von der Abwesenheit des Papstes, der in Avignon residierte,
durch einen ghibellinischen Präfekten, di Vico, der den kommunalen Besitz
zum Schaden der Kirche vermehrte. Er trieb seine Eroberungen mit der Besetzung
Orvietos auf die Spitze.
Papst Innozenz VI wurde 1352 gewählt. Er war ein energischer Mann harten
Temperaments, der beschloss, die Rebellen zu bändigen und den päpstlichen
Stuhl wieder nach Rom zurück zu bringen. Er schickte den Kardinal Egidius
Alvarez Albornoz, einen Spanier, der mehr Soldat als Geistlicher war, und der
sich an der Seite des Königs von Kastilien geschlagen hatte, nach Montefiascone.
Dieser verbündete sich mit den örtlichen Familien Farnese und Orsini,
die der Kirche treu waren. Für kurze Zeit standen auch von Seiten der Römer
zehntausend Mann zur Verfügung, `` weil sie den großen Wunsch hatten,
Viterbo Schaden zuzufügen``.
Der Präfekt di Vico musste sich ergeben. Der Kardinal ließ ihn gedemütigt,
auf den Knien, auf die eroberten Gebiete verzichten, öffentlich seinen
Verrat bekennen und ihn schwören, der Kirche die Treue zu halten. Nachdem
Albornoz ihn gedemütigt und lange genug auf den Knien hatte liegen lassen,
ermahnte er ihn ernst. Dann erteilte er ihm die Absolution. Albornoz konnte
danach seinen Sieg voll ausnutzen. Er schaffte die städtische Miliz ab
und unterdrückte die republikanische Verfassung der Kommune. Der vom Volk
gewählte Magistrat wurde durch kirchliche Beamte ersetzt. In Orvieto und
Viterbo wurden robuste Festungen errichtet als mächtige Bestätigungen
der Souveränität der Kirche. Die Päpste konnten in den Provinzen
ihres Stammlandes, nach zwei Jahrhunderten übler Widerwärtigkeiten
im Streit mit den Kommunen, wieder frei herrschen. 1367 zog Papst Urban V festlich
in Rom ein. Die Kirche hatte gesiegt.
Das
Schisma
(1378 – 1417)
Dem französischen Papst Urban V und seinem Hof schien aber der Boden Roms
unter den Füßen zu brennen. Nachdem er lange in der Burg von Montefiascone
gewohnt hatte, entschied er, trotz der Appelle der Guelfen, unter denen Petrarca
war, nach Avignon zurückzukehren. Das Kardinalskollegium, das 1377 in Rom
zusammen getreten war und zum großen Teil aus Franzosen bestand, unterwarf
sich nach Urbans Tod dem tumultartigen Druck der Römer, einen italienischen
Papst zu benennen. Es wählte Urban VI, widerrief jedoch seine Wahl im Jahr
darauf und wählte den Gegenpapst Klemens VII. So brach das große
westliche Schisma aus, und vierzig Jahre wusste niemand mehr, wer der rechtmäßige
Papst war. Der religiöse Widerstreit zwischen Papst und Gegenpapst artete
bald in Bürgerkrieg aus. Urban VI hatte viele Städte des Kirchenstaates
auf seiner Seite und die Republik Siena. Klemens VII, der sich in Anagni, wenig
südlich von Rom, aufhielt, hatte ein bretonisches Söldnerheer hinter
sich und die Viterbesen. Die standen unter dem Kommando vom Sohn des verstorbenen
di Vico. Der französische Gegenpapst flüchtete zur Sicherheit in die
Nähe der Königin Johanna von Neapel, weshalb der römische Papst
sie mit Krieg überzog. Di Vico, der von der Abwesenheit des päpstlichen
Heeres profitierte, das gegen Neapel verpflichtet war, eroberte von neuem den
ganzen Kirchenstaat. Der römische Papst schloss, nach wechselnden und verwickelten
Siegen, mit der Königin Johanna Frieden. Und er eroberte mit Hilfe der
Orsini den Kirchenstaat zurück. Di Vico wurde getötet. Der französische
Gegenpapst begab sich mit seinem Hof von Neapel nach Avignon. Dann verschlimmerte
sich das Schisma, weil der italienische Teil der Kardinäle einen dritten
Pontifex wählte. Die Christenheit musste dem Schauspiel der drei Päpste
zusehen, die einer den anderen im Namen Christi exkommunizierten, den jeder
zu repräsentieren vorgab. Hadrian V wurde 1410 vom Kardinal Cossa vergiftet,
der sein Nachfolger wurde. Die drei Päpste beriefen Konzil um Konzil ein,
ohne Erfolg. Sie kehrten schließlich zu den Waffen zurück. Das Konzil
zu Konstanz beendete 1417 nach blutreichen Schlachten und vierzig Jahren Skandal
das Schisma. Es wählte Martin V, dessen Einsetzung in Rom zu dem Zeitpunkt
aber nicht möglich war, weil die Kirche während des Schismas jede
Autorität in ihrem Staat verloren hatte.
Das Handwerk der Miliz war mit dem Erlöschen der kommunalen Freiheit zu
einem Gewerbe verkommen. Leute jeder Couleur eilten unter die Fahne dieses oder
jenes Befehlshabers, je nachdem, aus welchem sich der größte Profit
ziehen ließ. Braccio da Montone und Tartaglia, Herr von Tuscania, waren
in Tuszien die berühmtesten Freibeuter. Diese Söldner hatten untereinander
einen Bund geschlossen mit dem Ziel, das ganze Land in ihren Besitz zu bringen.
Martin V führte schwierige Verhandlungen, um das Stammland zurück
zu gewinnen. Die Königin Johanna akzeptierte, um den Meinungsverschiedenheiten
ein Ende zu machen, Luigi d’ Angio als Sohn zu adoptieren und ihn als
Thronerben des Königreichs Neapel zu bestimmen. Braccio di Montone landete
nicht in Umbrien, Tartaglia wurde enthauptet. Martin V zog 1420 feierlich in
Rom ein.
Der
Krieg gegen den Herzog von Mailand
(1433 – 1443)
Nach Martin V wurde Eugen IV aus einer venezianischen Adelsfamilie zum Papst
gewählt. Zwischen den Familien des verstorbenen Papstes und des neuen Pontifex
war eine Feindschaft entbrannt, die einen neuen Krieg verursachte. Weiteres
Unglück suchte den Kirchenstaat heim als Visconti, der Herzog von Mailand,
dem Papst 1433 den Krieg erklärte und ein Heer unter dem Kommando des Befehlshabers
Francesco Sforza nach Rom schickte. Eugen IV hatte nicht die Mittel, Sforza
zu widerstehen. Er stellte ihn deshalb als General des päpstlichen Heeres
an. Visconti ärgerte sich über den plötzlichen Sinneswandel des
Papstes so maßlos, dass er die Römer aufhetzte, den Papst zu zwingen,
nach Florenz zu fliehen. Unter den verschiedenen Leuten, die sich mit Visconti
verbündeten, erschien auch ein weiterer di Vico. Der Papst vertraute den
Auftrag, das Stammland zurück zu erobern, dem Bischof Vitelleschi an. Der
eroberte Rom zurück, setzte Sforza ab, nahm di Vico gefangen und ließ
ihn enthaupten. Das war das Ende der Familie di Vico, die der Kirche so viele
harte Nüsse zu knacken gegeben hatte. Alles Kriegsrumoren hörte 1443
auf. Der Papst verließ Florenz, um in das ersehnte Rom zurück zu
kehren. Der Palast der Sforza in Onano gibt Zeugnis jener Epoche.
Die
Päpste der Renaissance
(XV – XVI)
Ein unerwartetes Ereignis erschütterte 1453 Europa. Mahommed II fiel in
Konstantinopel ein ``über die Leichen von 50 000 Christen``. Er beendete
damit das Oströmische Reich. Die Gefahr einer Invasion in Europa war Wirklichkeit
geworden.
Viele Künstler, Philosophen und Literaten flohen aus Konstantinopel. Sie
flüchteten nach Italien, besonders nach Florenz, wo sie am Hof der Medici
gern aufgenommen wurden. Ihre griechisch-byzantinische Bildung beeinflusste
die Entwicklung des Humanismus und der Renaissance. In jener Periode lebten
großartige Künstler und Architekten: Brunelleschi, Michelangelo,
Palladio, Bramante, Donatello, Cellini, Masaccio, Piero della Francesca, Botticelli,
Mantegna, Leonardo, Tiziano, der Politiker Machiavelli und viele andere, die
alle die italienische Kultur überstrahlen.
Das große Verdienst der Renaissancepäpste war ihr großzügiges
Mäzenatentum der Literatur und der Kunst. Sie standen dabei im Wettstreit
mit den Höfen von Florenz, Mailand, Ferrara, Neapel und Urbino. Als Träger
der christlichen Botschaft dagegen, waren diese Päpste für die Kirche
ein wahres Verhängnis. Ihr unmoralisches Wirken wurde die Ursache von Reformation
und Protestantismus. Das Konklave wählte 1492 Rodrigo Borgia zum Papst,
der den Namen Alexander VI annahm. Der hatte die Kardinäle mit Gold, Versprechen
und Schmeicheleien schamlos gekauft. Alle hatten Kenntnis davon, dass er als
Kardinal fünf Kinder hatte, unter ihnen die berühmten Lucrezia und
Cesare. Und man wusste, dass die junge Giulia Farnese, die Braut von Orsino
Orsini, in der letzten Zeit seine Geliebte gewesen war, und dass er von ihr
eine Tochter hatte. Er scheute sich auch nicht, wenige Monate nach seiner Wahl,
seinen natürlichen Sohn Cesare zum Kardinal zu ernennen und den damals
erst 26 jährigen Alessandro Farnese, in seiner Eigenschaft als Giulias
Bruder, zum Kardinal zu erheben. Der venezianische Gesandte bemerkte zu diesem
Vorhaben seinem Senat gegenüber: `` Die Berufung des Alessandro Farnese
zum Kardinal war nicht ehrenvoll. Sie ist hervorgegangen aus einer unanständigen
Sache.`` Den Papst kümmerten dergleichen Kommentare kaum, um so weniger
den römischen Klerus, der die gleichen Bräuche pflegte. Ein Geschichtsschreiber
berichtet: `` Ein junges Mädchen den Schleier nehmen zu lassen, ist in
manchen Klöstern so, als weihe man sie der Prostitution``. Karl VIII von
Frankreich störte die angenehmen Schwelgereien des Borgiapapstes und seines
Hofes, weil er, gegen den Willen des Papstes, den Thron von Neapel beanspruchte.
Er kam mit einem starken Heer nach Italien und eroberte verschiedene Kastelle,
einschließlich Viterbo. Das neapolitanische Heer, das Rom verteidigen
musste, ergab sich. Danach zog ein konföderiertes Heer gegen Karl, an dem
Mailand, Venedig, Spanien und Deutschland beteiligt war. Karl beeilte sich,
nach Frankreich zurück zu kehren, aus Angst, dass ihm der Rückweg
abgeschnitten würde. Er zerstörte auf diesem Weg gewaltsam Tuscania,
das sich weigerte, ihn zu beherbergen. Er bezahlte sein ehrgeiziges Unternehmen
teuer. Die Alliierten schlugen ihn, sein Heer wurde zerstört, seine Finanzen
zerrüttet. Es kam auch die Stunde des Borgia. Während er einen Kardinal,
bei einem Essen zu dessen Ehren, ermorden wollte, trank er selbst vom vergifteten
Wein und starb. Auch sein Sohn Cesare hatte vom Wein getrunken, rettete sich
aber, wenn auch mit Mühe.
Die
Reformation
(ab 1510)
Martin Luther ging im Jahr 1510 nach Rom, weil er glaubte, dort das ``Lebendige
Zentrum der Christenheit`` zu finden. Er traf statt dessen auf das Rom der Borgia.
Mit großem Hass auf den käuflichen Klerus und dessen ungläubige
und unmoralische Kardinäle kehrte er in sein heimatliches Deutschland zurück.
Unter anderem war damals in Rom der Petersdom im Umbau. Die riesige Unkosten
wurden gedeckt mit ``Ablassgeld``, das heißt, mit dem Geld, für das
man den Nachlass der Strafen des Fegefeuers kaufen konnte, und zwar nicht nur
für die Lebenden, sondern auch für die Verstorbenen. Die Forderung
nach Versittlichung wurde unüberhörbar. Savonarola wurde deswegen
in Florenz der Häresie angeklagt und lebendig verbrannt.
Die Probleme der Kirche potenzierten sich in Zentraleuropa wegen des Religionskampfes.
Der wurde entfacht von Luther, Calvin und Zwingli, den Baumeistern der Reformation,
die die Grundlagen schuf für den Protestantismus. Blutige Religionskriege
entzündeten sich in Frankreich und dem Kaiserreich.
Alles dies trug sich zu auf dem Hintergrund des großen Wandels der politischen
Bedeutung einiger Staaten, die von europäischen Staaten zu Weltstaaten
wurden. Die Portugiesen, Spanier, Engländer und Holländer, nunmehr
gut versorgt mit Feuerwaffen, warfen sich nach der Entdeckung Amerikas durch
Christoph Kolumbus und die mutigen Meerfahrer Magellan, Vasco da Gama und Vasco
Nuez, mit ihren Flotten auf die Eroberung Amerikas, Afrikas und Asiens. Die
Spanier zogen aus den Kolonien ungeheure Reichtümer. Deshalb konnten sie
sich, zum Kampf gegen die ``Mauren``, mit einem mächtigen Heer an die Spitze
aller anderen setzten. Die christliche Flotte schlug 1571 bei Lepanto die mohammedanische
und brach damit die arabische Vorherrschaft im Mittelmeer.
Frankreich und Deutschland, die keine Flotte besaßen, fuhren mit ihren
endlosen Zwistigkeiten um den Besitz Italiens fort. Karl V von Deutschland besetzte
1527 Rom und ließ den Papst gefangen nehmen. Er musste ihn aber auf Druck
der katholischen Staaten wieder frei lassen.
Paolo
III Farnese
(1534 – 1549)
Der Kardinal Alessandro Farnese wurde im Alter von 67 Jahren nach dem Tod Klemens
VII zum Papst gewählt und nahm den Namen Paul III an. Auch er war ein großer
Mäzen der Renaissance. Er verschönerte Rom, stellte den Petersdom
fertig, ließ die Paulinische Kapelle bauen, den Palast Farnese und den
Campidoglio. In Tuszien ließ er zusammen mit seinem Enkel, dem Kardinal
Alessandro, die Paläste in Gradoli, Capranica, Capodimonte und andere kleinere
bauen und wiederherstellen. Paul III machte sich zum Förderer der katholischen
Gegenreformation, um die Bewegung der Reformation einzudämmen und die,
an den Protestantismus gefallenen, Länder, zurück zu erobern. Er berief
1545 das Konzil von Trient ein, auf dem wichtige Entscheidungen zur Moral, Disziplin,
Kultur und Politik getroffen wurden. Er bestätigte den, von Ignatius von
Loyola gegründeten, Orden der Jesuiten. Der wurde zum wirkungsvollsten
und tüchtigsten Instrument der Kirche. Die Inquisition wurde bestärkt,
besonders in Spanien. Paul III war ein entschlossener und geachteter Papst.
Aber auch er trieb Vetternwirtschaft, wenn auch weniger unverschämt. Während
seiner Karriere als Kardinal hatte er vier Kinder, von denen zwei in jungen
Jahren starben. Es blieben Pier Luigi und Constanza. Er erkannte sie als legitim
an, und bemühte sich, ihnen ein prunkvolles Leben zu sichern. Constanza
wurde mit einem Orsini aus Pitigliano verheiratet. Seinen Sohn Luigi machte
er zum Herzog. Deshalb schuf er, im Landstrich zwischen dem Lago di Bolsena
und dem tyrrhenischen Meer, an der Grenze der heutigen Toskana, das Herzogtum
Castro. Es bestand aus Castro und weiteren dreißig bewohnten Dörfern.
Viele jener Orte tragen heute noch den Namen jenes Herzogtums (Montalto di Castro,
Ischia di Castro, Grotte di Castro, usw.). Ausgenommen waren Latera und Farnese,
die einem anderen Verwandten, Galeazzo Farnese, zugeschlagen wurden. Auch ihm
wurde bei Gelegenheit die Herzogswürde verliehen. Montefiascone weigerte
sich, Herzogtum zu werden, weil es in direkter Abhängigkeit des Papstes
bleiben wollte. Castro wurde als Hauptsitz gewählt. Um die mittelalterliche
Burg in einen Hauptsitz zu verwandeln, welcher in Größe und Macht
den Farnese entsprach, wurde das Projekt Antonio Sangallo d. J. anvertraut.
Als Paul III 1545 Pier Luigi zum Herzog von Parma und Piacenza ernannte, kamen
die übereifrigen Arbeiten zum Stillstand. Castro wurde zu einer Niederlassung
jenes höher angesehenen Herzogtums. Pier Luigi war ein sittenloser Mensch,
dessen wollüstiges Treiben und übertriebenes Luxusleben vom Papst
als ``jugendlicher Leichtsinn`` entschuldigt wurden. Den Adel überzeugte
diese Rechtfertigung nicht. Er ließ Pier Luigi ermorden. Er wurde 1547
erstochen.
Pier Luigi hinterließ vier Söhne, die sich sehr von ihm unterschieden:
Ottavio, den Paul III sofort zum Nachfolger im Herzogtum Parma und Piacenza
bestimmte, Alessandro, der ein hervorragender Kardinal und Orazio, der zum Herzog
von Castro ernannt wurde. Der jüngste war Ranuccio, den der gute Papa,
uneingedenk der Kirchenreformen, die er selbst vorantrieb, bedenkenlos als Fünfzehnjährigen
zum Kardinal und Bischof von Neapel machte. Paul III starb 1549.
Das
Herzogtum Parma und Piacenza
(1545 – 1731)
Orazio lebte nur kurz, weshalb das Herzogtum Castro wieder zu einer Niederlassung
des Herzogs von Parma und Piacenza wurde. Im Laufe eines Jahrhunderts folgten
Väter und Söhne aufeinander: Orazio, Alessandro, Ranuccio I, Odoardo
und Ranuccio II. Die Farnese hatten sich, um die Fassade von Reichtum und Macht
zu wahren, bei der Camera Apostolica hoch verschuldet. Sie hatten als Deckung
das Herzogtum Castro eingesetzt. Die Kirche gewährte ihnen gern Kredit.
Sie hoffte darauf, dass die Schulden nicht pünktlich bezahlt würden,
und sie sich am Herzogtum schadlos halten könnte. Und wirklich, die Fälligkeiten
wurden nicht eingehalten. Urban VIII Barberini hob 10 000 Mann aus und machte
sich zur Eroberung der Besitzungen in Castro auf, als Odoardo sich weigerte,
den Vertrag zu unterzeichnen. Nach der Besetzung des Herzogtums Castro zogen
die päpstlichen Truppen gegen Parma. Sie waren um 10 000 Mann verstärkt.
Venedig, Modena und die Toskana, die gemeinsam ein ansehnliches Heer stellten,
eilten den Farnese zu Hilfe. Odoardo, im Kommando über nur 3000 Reiter,
zerstreute, wenn auch nur kurzzeitig, mit viel Glück die 20 000 päpstlichen
Soldaten. Der Krieg nahm in der Folgezeit ziemliche Ausmaße an und ruinierte
die Staatskassen aller Beteiligten. Der französische König mischte
sich 1644 als Vermittler ein. Er drängte die Kirche, Castro den Farnese
zurück zu geben. Im selben Jahr starb Urban VIII und wurde von Innozenz
X Panphili abgelöst. 1646 war auch Odoardo nicht mehr am Leben. Sein sechzehnjährigen
Sohn Ranuccio II trat ein Erbe an, das aus mehr Schulden als Land bestand.
Die
Zerstörung von Castro
(1649)
Es scheint, dass der junge Herzog sich darauf eingestellt hatte, sich von Castro
zu trennen, um die Rechnung mit der Camera Apostolica zu begleichen. Dann trat
aber eine Meinungsverschiedenheit über die Ernennung des Bischofs von Castro
auf. Der von der Kirche Vorgeschlagene wurde 1649 in einem Hinterhalt getötet,
während er unterwegs war, um seinen Bischofssitz einzunehmen. Innozenz
X schickte daraufhin ein Heer los, um Castro zu erobern. Ein anderes marschierte
gegen Parma. Es sollte die Ranuccio zu Hilfe Eilenden aufhalten. Die wurden
auch nahe Bologna besiegt. Frankreich, Spanien und die italienische Fürsten
hüteten sich sehr, sich zu Gunsten der Farnese einzumischen, wie sie es
einige Jahre zuvor getan hatten. Castro, bar jeder Hoffnung auf Hilfe und von
der Belagerung erschöpft bis zum letzten, ergab sich 1649 dem Heer des
Papstes Panphili.
Der gewaltsamste Religionskrieg war 1618 in Europa ausgebrochen. Es war der
``Dreißigjährige Krieg``, der Millionen von Opfern verursachte hatte.
Dieser Krieg wurde 1648 mit dem Westfälischen Frieden beendet, in dem die
Kirche große Gebiete ihrer Macht in Europa einbüßte. Vielleicht
wurde die besondere Wut auf Castro durch diesen Verlust beeinflusst, aber, nach
Meinung der Geschichtsschreiber, handelte es sich eher um eine persönliche
Fehde zwischen den Familien Farnese und Panphili. Innozenz X sei beeinflusst
gewesen von Verwandten, besonders von seiner Schwägerin, Donna Olimpia
Maidalchini, einer habsüchtigen und intriganten Frau, die abgrundtiefen
Widerwillen gegen die farnesischen Gegner hegte. Sie sei es gewesen, die verlangt
habe, dass Castro vom Gesicht der Erde verschwinde.
Ihr wahnsinniger und erbarmungsloser Wunsch wurde bis in die letzte Konsequenz
ausgeführt. Innozenz X befahl die Zerstörung Castros, obwohl es Eigentum
der Kirche war. Mehr als tausend Mann überfielen die Strassen und Häuser
mit Spitzhacken, Schaufeln und Schubkarren, um alles in kleinste Stücke
zu schlagen, damit es unmöglich sein sollte, davon irgendetwas wieder zu
verwenden.
Auf dem Schutt wurde ein Marmorstein errichtet mit der Inschrift `` Hier war
Castro``.
Die Farnese starben 1731 aus, das Herzogtum Parma kam an Karl von Bourbon, der
später König von Beiden Sizilien wurde. Viele Kunstwerke, die den
Farnese gehörten, sind heute im Königspalast von Neapel ausgestellt.
Mit der Zerstörung von Castro endet unsere kurze Geschichte von Tuszien.
Nachfolgende
Ereignisse
Napoleon setzte1809 der imperialen Macht der Habsburger und der weltlichen Macht
der Päpste ein Ende. Diese wurden im Wiener Kongress 1815 wieder hergestellt.
Im Jahr 1870 marschierte das Heer der Savoyer in Rom ein und beendete endgültig
die weltliche Macht des Papsttums. Rom wurde die Hauptstadt Italiens.